Wie Wissensverlust beim Mitarbeiterwechsel entsteht

Wenn ein erfahrener Mitarbeiter ein Planungsbüro verlässt, bleiben die Projektdateien meist erhalten. Entscheidungsgründe, eingespielte Abläufe und projektspezifisches Erfahrungswissen gehen dagegen leicht verloren.

Am Montagmorgen öffnet der Projektleiter das BIM-Modell eines Schulneubaus. Die Datei liegt ordnungsgemäß auf der BIMcloud, alle Zugriffsrechte funktionieren und auch die zuletzt veröffentlichten Planstände sind vorhanden. Trotzdem kommt das Team kaum weiter. Warum wurden bestimmte Bauteile abweichend klassifiziert? Welche Einstellungen gelten für den IFC-Austausch mit dem Tragwerksplaner? Weshalb enthält die Vorlagendatei eine eigene Kombination grafischer Überschreibungen für diesen Projekttyp?

Die Antworten kannte vor allem der BIM-Verantwortliche, der das Büro in der vergangenen Woche verlassen hat. Er hatte die Abläufe über Jahre entwickelt, Besonderheiten früh erkannt und viele Probleme gelöst, bevor sie für andere sichtbar wurden. Dokumentiert ist davon nur ein Teil. Die Dateien sind noch da. Das Wissen, wie sie zu lesen und richtig zu verwenden sind, fehlt.

Solche Situationen entstehen nicht erst am letzten Arbeitstag. Der eigentliche Wissensverlust beginnt deutlich früher: immer dann, wenn wichtiges Wissen dauerhaft bei einer einzelnen Person verbleibt, Entscheidungen nicht nachvollziehbar festgehalten werden und funktionierende Abläufe ausschließlich auf Erfahrung oder persönlicher Abstimmung beruhen.

Zwei Mitarbeiter besprechen an einem Bildschirm die Besonderheiten eines BIM-Modells und halten Hinweise für die Projektübergabe fest.

Die Datei ist vorhanden, der Zusammenhang fehlt

Architektur- und Planungsbüros produzieren große Mengen digitaler Informationen. Modelle, Pläne, Protokolle, Berechnungen und E-Mails werden gespeichert, versioniert und gesichert. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, auch das dahinterliegende Wissen sei verfügbar. Doch Daten und Wissen sind nicht dasselbe.

Dokumentiertes Wissen lässt sich grundsätzlich nachlesen oder weitergeben. Dazu gehören Bürostandards, Projektleitfäden, Checklisten, Vorlagendateien, Protokolle und festgelegte Modellierungsrichtlinien. Erfahrungswissen zeigt sich dagegen häufig erst in der Anwendung. Es umfasst die Fähigkeit, eine ungewöhnliche Modellstruktur richtig einzuordnen, Risiken in einem Planungsstand früh zu erkennen oder zu wissen, welche Abweichung vom Standard in einem bestimmten Projekt sinnvoll ist.

Ein erfahrener Mitarbeiter kennt nicht nur den festgelegten Ablauf. Er weiß auch, warum er so aufgebaut wurde, an welcher Stelle er erfahrungsgemäß scheitert und wann eine Ausnahme gerechtfertigt ist. Gerade dieses Wissen ist für die Projektqualität besonders wertvoll. Es lässt sich jedoch nur begrenzt in Handbüchern abbilden.

Hinzu kommt, dass viele Entscheidungen unter Zeitdruck entstehen. Eine Einstellung wird angepasst, ein Exportweg verändert oder eine zusätzliche Prüfroutine eingeführt, weil das Projekt sie gerade benötigt. Wenn das Ergebnis funktioniert, fehlt im Alltag oft die Zeit, den Entscheidungsweg festzuhalten. Aus einer vorläufigen Lösung wird ein dauerhafter Bestandteil des Prozesses. Monate später ist zwar noch erkennbar, was eingestellt wurde, aber nicht mehr, warum.

Wie Wissen unbemerkt zur Einzelleistung wird

Wichtige Wissenskonzentrationen entstehen selten durch bewusste Abschottung. Meist entwickeln sie sich aus einer sinnvollen Arbeitsteilung. Ein Mitarbeiter kennt sich besonders gut mit dem IFC-Austausch aus, ein anderer pflegt die Vorlagendatei und ein dritter löst zuverlässig Probleme in Teamwork-Projekten. Das spart zunächst Zeit und sorgt für klare Ansprechpartner.

Problematisch wird die Spezialisierung, wenn Wissen nicht mehr regelmäßig mit anderen geteilt wird. Im Büro etabliert sich dann eine einfache Abkürzung: Bei einer bestimmten Frage wird immer derselbe Kollege angesprochen. Weil er schnell helfen kann, setzt sich niemand sonst vertieft mit dem Thema auseinander. Der Spezialist wird immer sicherer, während das übrige Team zunehmend von ihm abhängig wird.

Auch individuelle Arbeitsweisen verstärken diesen Effekt. Persönlich gepflegte Favoriten, lokale Dateien, eigene Checklisten, individuelle Arbeitsumgebungen oder private Ablagestrukturen können sehr effizient sein. Für andere Mitarbeiter bleiben sie jedoch unsichtbar. Ähnliches gilt für informelle Absprachen: Der Fachplaner erwartet den IFC-Export in einer bestimmten Struktur, der Projektleiter prüft vor einer Veröffentlichung immer eine zusätzliche Ansicht und ein bestimmter Bearbeiter weiß, welche Bauteile im Modell bewusst vereinfacht wurden. Solange dieselben Personen zusammenarbeiten, funktioniert dieses System oft erstaunlich gut.

Digitale Zusammenarbeit verhindert solche Wissensinseln nicht automatisch. Eine zentrale Plattform stellt Dateien bereit, erklärt aber nicht zwangsläufig ihre Entstehung. Eine gemeinsam genutzte Vorlagendatei macht noch nicht nachvollziehbar, welche Attribute verbindlich sind, welche Inhalte projektspezifisch ergänzt wurden oder nach welchen Kriterien sie weiterentwickelt werden. Technische Verfügbarkeit ist deshalb noch keine gemeinsame Wissensbasis.

Ein Mitarbeiter vergleicht ein BIM-Modell mit Planausdrucken und Notizen, um die Struktur eines übernommenen Projekts nachzuvollziehen.

Frühwarnzeichen und Folgen für den Projektalltag

Eine gefährliche Wissenskonzentration zeigt sich häufig schon lange vor einer Kündigung. Ein deutliches Signal ist, wenn Aufgaben während des Urlaubs eines Mitarbeiters regelmäßig liegen bleiben. Ähnlich kritisch ist es, wenn nur eine Person Exporte zuverlässig erzeugen, komplexe Modelle prüfen oder Änderungen an der Vorlagendatei vornehmen kann. Auch wiederkehrende Aussagen wie „Das weiß nur Herr Müller“ oder „Dafür müssen wir warten, bis sie wieder da ist“ weisen auf eine strukturelle Abhängigkeit hin.

Ein einfacher Test hilft bei der Einschätzung: Könnte ein anderer Mitarbeiter die Aufgabe übernehmen und dabei nicht nur die einzelnen Arbeitsschritte, sondern auch die zugrunde liegenden Entscheidungen nachvollziehen? Wenn lediglich das Endergebnis bekannt ist, fehlt meist ein wesentlicher Teil des Wissens.

Beim Ausscheiden des Wissensträgers werden die Folgen sichtbar. Nachfolger benötigen länger für die Einarbeitung, weil sie bestehende Strukturen zunächst entschlüsseln müssen. Entscheidungen werden erneut diskutiert, obwohl sie im Projekt bereits getroffen wurden. Fehler, die der erfahrene Mitarbeiter routinemäßig vermieden hat, treten wieder auf. Veröffentlichungen verzögern sich, Exporte liefern andere Ergebnisse und die Qualität einzelner Modelle oder Pläne beginnt zu schwanken.

Auch die Zusammenarbeit leidet. Wenn ein Team nicht sicher weiß, welche Regeln noch gelten, entstehen individuelle Interpretationen. Jeder Bearbeiter versucht, die vorhandenen Lücken mit eigenen Lösungen zu schließen. Dadurch wächst die Zahl der Varianten, Rückfragen und Korrekturen. Im ungünstigsten Fall entwickelt sich aus dem Verlust einer Person schrittweise eine neue Wissenslandschaft, die wiederum stark an einzelne Mitarbeiter gebunden ist.

Welches Wissen tatsächlich gesichert werden sollte

Die naheliegende Forderung, sämtliches Wissen zu dokumentieren, ist weder realistisch noch sinnvoll. Planungsprozesse verändern sich fortlaufend, viele Entscheidungen sind situationsabhängig und ein erheblicher Teil des Erfahrungswissens lässt sich erst im konkreten Handeln vermitteln. Ein lückenloses Handbuch würde viel Pflegeaufwand erzeugen und vermutlich trotzdem nicht alle relevanten Fragen beantworten.

Entscheidend ist deshalb nicht die Vollständigkeit, sondern die Auswahl. Gesichert werden sollte vor allem Wissen, das regelmäßig benötigt wird, großen Einfluss auf die Projektqualität besitzt, nur bei wenigen Mitarbeitern vorhanden ist oder sich nachträglich nur mit hohem Aufwand rekonstruieren lässt.

Bei Vorlagendateien betrifft das beispielsweise die Logik wichtiger Attribute, Klassifikationen, Auswertungen, Ausschnittstrukturen und Publikationsabläufe. Nicht jede einzelne Einstellung benötigt eine ausführliche Beschreibung. Wesentlich ist, dass andere Mitarbeiter verstehen, welchen Zweck die Struktur erfüllt, welche Abhängigkeiten bestehen und nach welchen Regeln Änderungen vorgenommen werden.

In Projekten sind vor allem Entscheidungsgründe, projektspezifische Abweichungen, offene Risiken und besondere Vereinbarungen mit Planungspartnern relevant. Ein kurzer Eintrag, warum ein Standard bewusst verlassen wurde, kann später wertvoller sein als eine lange Beschreibung des allgemeinen Prozesses. Gute Dokumentation hält nicht nur Ergebnisse fest. Sie bewahrt den Kontext, der benötigt wird, um diese Ergebnisse richtig einzuordnen.

Wissen im Alltag verteilen statt nur archivieren

Wissenstransfer gelingt am zuverlässigsten, wenn er Bestandteil der täglichen Arbeit wird. Gemeinsame Bürostandards schaffen dafür eine Grundlage, sofern sie verständlich, zugänglich und tatsächlich gepflegt sind. Nachvollziehbare Projektstrukturen reduzieren die Abhängigkeit von persönlichen Ablagen. Regelmäßige kurze Austauschrunden machen Entscheidungen sichtbar, bevor sie in Vergessenheit geraten.

Auch zentrale Aufgaben sollten nicht dauerhaft von einer Person allein ausgeführt werden. Ein zweiter Mitarbeiter muss nicht sofort dieselbe Erfahrung besitzen. Bereits das gemeinsame Bearbeiten eines Exports, einer Modellprüfung oder einer Anpassung der Vorlagendatei schafft Verständnis und Rückfragemöglichkeiten. Wichtig ist, dass Wissen praktisch angewendet wird. Eine Übergabe, bei der der Nachfolger lediglich zuhört, bleibt oft abstrakt. Führt er den Prozess selbst durch und der erfahrene Kollege begleitet ihn, werden Unklarheiten wesentlich früher sichtbar.

Für den Einstieg braucht ein Büro kein umfassendes Wissensmanagement-Projekt. Vier überschaubare Maßnahmen reichen aus:

  1. Identifizieren Sie in einem kurzen Teamtermin die Aufgaben, die derzeit nur ein Mitarbeiter sicher übernehmen kann.
  2. Wählen Sie daraus einen besonders projektkritischen Prozess und binden Sie einen zweiten Mitarbeiter ein.
  3. Halten Sie bei wichtigen Änderungen künftig nicht nur das Ergebnis, sondern in wenigen Sätzen auch den Entscheidungsgrund fest.
  4. Planen Sie Übergaben als mehrere praktische Termine und nicht als einmaliges Abschlussgespräch am letzten Arbeitstag.

Auf diese Weise entsteht schrittweise eine belastbarere Wissensbasis. Standards, Dokumentation und Austausch ersetzen dabei nicht die Erfahrung einzelner Mitarbeiter. Sie sorgen aber dafür, dass diese Erfahrung für das Büro wirksam werden kann.

Drei Mitarbeiter prüfen gemeinsam eine BIM-Vorlagendatei und dokumentieren die Gründe für Änderungen am Bürostandard.

Mit einer konkreten Frage beginnen

Wissensverlust beim Mitarbeiterwechsel ist selten ausschließlich ein Übergabeproblem. Er zeigt, wie Wissen zuvor im Büro verteilt, angewendet und weitergegeben wurde. Wer erst am letzten Arbeitstag mit der Sicherung beginnt, kann meist nur noch Dateien und einzelne Informationen zusammentragen.

Ein sinnvoller erster Schritt ist deshalb eine einfache Frage: Welche drei Aufgaben würden in Ihrem Büro ins Stocken geraten, wenn der zuständige Mitarbeiter morgen für mehrere Wochen ausfiele? Wählen Sie eine davon aus und sorgen Sie dafür, dass ein zweiter Mitarbeiter den Ablauf und seine Entscheidungslogik kennenlernt. So beginnt Wissenstransfer nicht als Großprojekt, sondern dort, wo er den Arbeitsalltag unmittelbar stabiler macht.