Vom Aufmaß zum Modell: Punktwolken im Archicad-Praxischeck

Bestandsprojekte gehören für viele Architekturbüros zum Alltag. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Genauigkeit, Nachvollziehbarkeit und Planungssicherheit – insbesondere dann, wenn vorhandene Bestandsunterlagen lückenhaft, veraltet oder widersprüchlich sind. Punktwolken, erzeugt durch Laserscans oder Photogrammetrie, haben sich in diesem Kontext als belastbare Grundlage etabliert, um den realen Zustand eines Gebäudes nachvollziehbar zu erfassen.

Wir haben uns entschieden, Punktwolken nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern sie bewusst in eigenen Projekten einzusetzen. Zum einen, um Werkzeuge und Workflows realistisch bewerten zu können, zum anderen, um typische Fragestellungen aus dem Büroalltag selbst zu durchlaufen. Das hier beschriebene Projekt ist Teil einer internen Praxisreihe, die bereits in einer Newsletter-Serie vorgestellt wurde, und steht stellvertretend für viele vergleichbare Bestandsaufgaben.

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Das Praxisprojekt als bewusster Anwendungsfall

Im Mittelpunkt stand der Ausbau eines Dachgeschosses mit einer Grundfläche von rund 200 Quadratmetern. Die Geometrie war überschaubar, zugleich aber geprägt von klassischen Bestandsthemen: leicht verzogene Bauteile, eine unregelmäßige Balkenlage, Abweichungen von Lot und Waage sowie fehlende oder nur eingeschränkt verwertbare Pläne.

Für dieses Projekt wurde bewusst auf ein Smartphone-basiertes LiDAR-Aufmaß gesetzt. Nicht, weil es klassische Vermessung ersetzen soll, sondern um zu prüfen, welchen Nutzen ein solcher Ansatz im typischen Büroalltag haben kann. Ziel war es, mit überschaubarem Aufwand eine verlässliche geometrische Grundlage zu schaffen, aus der ein konsistentes Archicad-Modell abgeleitet werden kann.

Das Dachgeschoss wurde mit einem iPhone 14 Pro in weniger als einer Stunde erfasst – inklusive der sichtbaren Balkenlage. Die Punktwolke konnte direkt auf dem Gerät kontrolliert, anschließend per AirDrop übertragen und im .LAS-Format in Archicad importiert werden. Der Import erfolgte über das BIMmTool Lite; zusätzliche spezialisierte Werkzeuge waren in diesem Projektschritt nicht erforderlich. Die resultierende Datenmenge blieb mit rund 60 MB für das gesamte Dachgeschoss bewusst handhabbar.

Abgrenzung zur klassischen Vermessung

Ein wichtiger Punkt, der im Projekt immer wieder diskutiert wurde, ist die klare Abgrenzung zur klassischen Vermessung. Das Smartphone-LiDAR-Aufmaß erhebt keinen Anspruch auf vermessungstechnische Genauigkeit oder rechtliche Verbindlichkeit. Es ersetzt weder den Vermesser noch ein qualifiziertes Bestandsaufmaß in Fällen, in denen entsprechende Anforderungen bestehen.

Für viele frühe Planungsphasen und interne Bestandsmodelle bietet dieser Ansatz jedoch einen praxisnahen Mehrwert: Er ermöglicht ein verformungsgerechtes, vollständiges Erfassen der Geometrie, ohne dass einzelne Maße vergessen werden können, und liefert eine deutlich realistischere Grundlage als idealisierte Skizzen oder manuelle Einzelmessungen.

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Nutzung der Punktwolke im Projektalltag

Orthophotos für Pläne, Schnitte und Ansichten

Ein zentraler Anwendungsfall im Projekt war die Erzeugung von Orthophotos aus der Punktwolke. Für Grundrisse, Schnitte und Ansichten ließen sich damit belastbare, maßhaltige Darstellungen des Bestands erzeugen.

Gerade im Dachgeschoss zeigte sich der Nutzen deutlich: Wandverläufe, geneigte Bauteile und die Lage der Balken konnten schnell und nachvollziehbar dokumentiert werden. Statt Maße manuell zu interpretieren oder fehlende Informationen zu ergänzen, standen visuelle Referenzen zur Verfügung, die den tatsächlichen Zustand präzise abbildeten und als Grundlage für Bestandspläne dienten.

Abweichungsanalysen zur Einordnung von Verformungen

Abweichungsanalysen wurden eingesetzt, um Unterschiede zwischen idealisierten Annahmen und der realen Gebäudestruktur sichtbar zu machen. Sie halfen dabei,

    • Verformungen frühzeitig zu erkennen,
    • bewusste Entscheidungen zu treffen, welche Abweichungen modelliert werden sollen,
    • und die eigene Modellierungslogik zu überprüfen.

Dabei ging es nicht um eine millimetergenaue Dokumentation, sondern um eine fachlich fundierte Einordnung der vorhandenen Geometrie als Grundlage für weitere Planungsschritte.

Dreidimensionale Fangbarkeit als Unterstützung bei der Modellierung

Ein weiterer praktischer Vorteil zeigte sich in der dreidimensionalen Fangbarkeit der Punktwolke. Bauteile konnten direkt an der realen Geometrie ausgerichtet werden, etwa bei Wandachsen, Öffnungen oder Höhenlagen.

Dies reduzierte Nacharbeit und half, Annahmen unmittelbar zu überprüfen. Gerade bei verformten Bestandsbauteilen führte das zu einem insgesamt stimmigeren und besser nachvollziehbaren Modell.

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Die Punktwolke ist nicht das Ziel

Eine zentrale Erkenntnis aus dem Projekt: Die Punktwolke ist Mittel zum Zweck, nicht das Ergebnis.

Sie liefert umfangreiche Rohdaten, die zunächst unstrukturiert vorliegen. Erst durch die Ableitung eines logisch aufgebauten Archicad-Modells entsteht eine Arbeitsgrundlage, die für Planung, Abstimmung und Weitergabe geeignet ist. Nicht jede Abweichung muss modelliert werden – entscheidend ist, dass das Modell dem jeweiligen Planungszweck entspricht.

Vom Scan zum konsistenten Archicad-Modell

Die Ableitung der Bauteile erfolgte schrittweise und strukturiert:

    Festlegung klarer Modellierungsregeln

    Definition von Detaillierungsgrad, Toleranzen und Modellierungsumfang.

    Arbeit mit sauberen Vorlagen und Attributstrukturen

    Klare Ebenen-, Baustoff- und Bauteilstrukturen sorgten für Konsistenz.

    Gezielte Ableitung aus der Punktwolke

    Unterstützung durch Orthophotos und Fangfunktionen.

    Gerade die vorbereitete Struktur erwies sich als entscheidend, um den Fokus auf Inhalte und nicht auf nachträgliche Korrekturen zu legen.

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    Qualitätssicherung durch Modell–Punktwolken-Abgleich

    Nach Abschluss der Modellierung wurde das Archicad-Modell erneut mit der Punktwolke abgeglichen. Abweichungsanalysen dienten dazu, getroffene Annahmen zu überprüfen und sicherzustellen, dass sie innerhalb definierter Toleranzen lagen.

    Dieser Schritt erhöhte die Sicherheit im Umgang mit dem Modell und machte die Qualität der Bestandsmodellierung transparent und nachvollziehbar.



    Praktische Erkenntnisse aus dem Projekt

    Aus dem Projekt lassen sich mehrere praxisrelevante Vorteile ableiten:

      • Deutlich reduzierter Aufwand beim Aufmaß: Eine Person, ein Smartphone und ein Bruchteil der sonst üblichen Zeit.

      • Schnellere und präzisere Bestandsmodellierung durch dreidimensionale Geometriereferenzen.

      • Effiziente Erstellung von Bestandsplänen über Orthophotos.

      • Verformungsgerechtes Arbeiten statt idealisierter Annahmen.

      • Mehr Planungssicherheit durch systematischen Abgleich von Modell und Realität.

    Das Projekt zeigt, dass Punktwolken – auch aus einem Smartphone-basierten LiDAR-Aufmaß – kein Ersatz für klassische Vermessung sind, aber eine sinnvolle Ergänzung im Planungsalltag darstellen können. Insbesondere bei kleinen und mittleren Bestandsprojekten bieten sie eine realistische, effiziente und gut handhabbare Grundlage für belastbare Archicad-Modelle.

    Entscheidend ist ein pragmatischer Umgang: Wer die Punktwolke als Werkzeug versteht, um schneller zu konsistenten Modellen zu kommen, schafft eine solide Basis für weitere Planungsschritte. Genau diese Erfahrungen aus der Praxis bilden heute die Grundlage für unsere Schulungen und Beratungen.