Flächenfraß vs. Wohnraumbedarf: Gibt es einen Ausweg?
Warum Deutschland neue Wege braucht, um Wohnen, Natur und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen.
Deutschland wächst nicht mehr stark – aber der Platzbedarf seiner Bewohner schon. Mehr Singlehaushalte, steigende Wohnansprüche und der demografische Wandel führen dazu, dass der Wohnraumbedarf weiter steigt. Gleichzeitig sollen nach politischem Willen täglich nicht mehr als 30 Hektar Fläche neu versiegelt werden – ein Ziel, das bislang klar verfehlt wird.
Hier prallen zwei Grundbedürfnisse aufeinander: das Recht auf angemessenen Wohnraum und die Pflicht, Böden, Landschaften und ökologische Systeme zu schützen. Kommunen stehen dabei im Zentrum des Dilemmas. Sie sollen Bauland ausweisen, um Menschen zu halten und Einnahmen zu sichern, werden aber zugleich aufgefordert, ihre Siedlungsgrenzen zu wahren.
Der Zielkonflikt ist also nicht abstrakt – er entscheidet über Lebensqualität, Artenvielfalt und künftige Generationengerechtigkeit.
Wie der Flächenverbrauch gemessen wird
Was bedeutet eigentlich „Flächenverbrauch“? Gemeint ist nicht, dass die Fläche physisch verschwindet, sondern dass Boden durch Bebauung, Versiegelung oder Infrastruktur seiner natürlichen Funktion entzogen wird. Dazu zählen neue Wohngebiete, Gewerbeflächen, Straßen und Parkplätze.
Das Umweltbundesamt misst die Entwicklung anhand von Satellitendaten und Katasterinformationen. Der aktuelle Wert liegt laut den letzten Erhebungen bei rund 50 Hektar pro Tag – also rund 70 Fußballfelder. Zwar ist das weniger als noch vor zwanzig Jahren, doch vom angestrebten 30-Hektar-Ziel sind Bund und Länder weit entfernt.
Problematisch ist, dass Flächen, die einmal versiegelt sind, kaum zurückgewonnen werden können. Selbst Rückbau oder Renaturierung ersetzen die ursprüngliche Bodenqualität nur bedingt.
Warum Nachverdichtung oft nicht reicht
Die Nachverdichtung gilt als Hoffnungsträger der Stadtplanung: Baulücken schließen, Aufstockungen fördern, ungenutzte Grundstücke aktivieren. In der Theorie klingt das nach der perfekten Lösung – mehr Wohnungen ohne neue Flächenversiegelung. In der Praxis stößt das Konzept aber schnell an Grenzen.
Viele innerstädtische Grundstücke sind bereits bebaut oder im Privateigentum, wo Anreize zur Verdichtung fehlen. Zudem stoßen Kommunen auf Widerstände: Anwohner fürchten den Verlust von Grünflächen oder mehr Verkehr. Und nicht zuletzt hat die Nachverdichtung physische Grenzen – sie kann nur einen Teil des Bedarfs decken.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die größten Neubaupotenziale liegen in den Speckgürteln und ländlichen Räumen, wo Flächen noch vorhanden und günstiger sind. Genau dort aber ist der Flächenverbrauch am größten.
Beispiele innovativer Flächenpolitik
Einige Kommunen und Bundesländer zeigen, dass es auch anders geht – mit Mut, Experimentierfreude und neuen Steuerungsinstrumenten.
1. Baulückenmanagement in Baden-Württemberg:
Über ein digitales Kataster identifizieren Städte ungenutzte Grundstücke und aktivieren Eigentümer durch Beratung und Förderanreize. So entstehen Wohnungen im Bestand statt auf der grünen Wiese.
2. Innenentwicklung vor Außenentwicklung in Bayern:
Das Landesentwicklungsprogramm priorisiert innerörtliche Bauvorhaben und erschwert die Ausweisung neuer Baugebiete im Außenbereich. Kommunen, die sich daran halten, profitieren von Fördermitteln.
3. Bodenfonds in Hamburg und Leipzig:
Städte erwerben strategisch Grundstücke, um sie für gemeinwohlorientierte Wohnprojekte oder bezahlbaren Wohnraum zu sichern. Das verhindert Bodenspekulation und ermöglicht langfristig nachhaltige Stadtentwicklung.
4. Flächenzertifikate in Nordrhein-Westfalen (Modellprojekt):
Kommunen erhalten handelbare Flächenzertifikate, die sie zum Bauen berechtigen. Wer Flächen spart, kann Zertifikate verkaufen – wer mehr verbraucht, muss zukaufen. Das schafft ökonomische Anreize für sparsamen Umgang mit Boden.
Ein realistischer Kompromiss – geht das?
Ganz auf Neubau zu verzichten, ist unrealistisch. Aber der Schlüssel liegt darin, anders und bewusster zu bauen. Dazu gehören:
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Bestandsumbau statt Neubau: Leerstehende Gebäude und Gewerbeflächen in Wohnraum umwandeln.
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Flächeneffiziente Wohnformen: Mehrgenerationenhäuser, Clusterwohnungen oder modulare Gebäude, die sich anpassen lassen.
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Baukultur im Bestand: Qualität vor Quantität – ansprechende Nachverdichtung erhöht Akzeptanz.
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Kommunale Kooperation: Städte und Umland müssen gemeinsam denken, statt Flächenkonkurrenz zu betreiben.
Der Kompromiss bedeutet, Wachstum neu zu definieren: nicht über Quadratmeter, sondern über Lebensqualität, soziale Durchmischung und ökologische Stabilität.
Wohnen neu denken, nicht weiter zubauen
Wenn die Bundesregierung das 30-Hektar-Ziel wirklich erreichen will, reicht es nicht, nur an der Stellschraube „Bauverbot“ zu drehen. Es braucht eine Kultur des klugen Umgangs mit Fläche.
Wohnen muss flexibler, gemeinschaftlicher und ressourcenschonender gedacht werden. Kommunen brauchen Instrumente, die sie befähigen statt beschneiden. Und wir alle müssen uns fragen, wie viel Raum wir tatsächlich benötigen, um gut zu leben.
Denn die wahre Zukunftsfrage lautet nicht: Wohnen oder Wiese?
Sondern: Wie gelingt beides – dauerhaft und gerecht?
